06.11.2017 09:12 Alter: 2 Jahre
Kategorie: Startseite, Presse
Von: Roman Winkelhahn

Unforgettable Dublin


Gate D30 führte uns – nach einem langen Weg über die Autobahn, das Kölner Flughafenterminal 2 und seine Duty Free Shops – an Bord der Boeing 737 unter irischer Flagge der Ryanair. Wir wussten, es würde kein Flug der höchsten Komfortklasse werden, doch damit, dass sich einige mit den Knien unter ihrem Kinn in die dunkelblauen Ledersitze zwängen müssen, hat niemand gerechnet. Entsprechend froh waren alle, als wir knapp zwei Stunden und eine Zeitzone später am Dublin Airport, auf der Insel, die die meisten nur aus der Kerrygold-Werbung kannten, ankamen. Ein dubble-deck bus brachte uns sicher (das ist angesichts des irischen Fahrstils besonders zu betonen) ans Ziel: Usher‘s Quay, Süd-Dublin. Nach einiger Suche, einer ungewollten Regendusche und ersten Konfrontationen mit dem Dubliner Verkehrswesen, das übrigens gegen alle Punkte unserer Straßenverkehrsordnung verstoßen würde, standen wir vor einer hohen blauen, mit einem dicken silbernen Türknauf versehen, Holztür und dem bunten Schriftzug Four Courts Hostel. Ziel erreicht. Hereinspaziert.

 

Alt, aber dennoch chic: das Four Courts Hostel hat durchaus seinen Reiz. Nicht nur der Blick auf die Liffey und das Four Courts Building, das als wichtigstes Gerichtsgebäude Irlands gilt, weil es unter anderem den Supreme Court beherbergt, sondern auch die schwungvolle Treppe, deren knatschende Stufen bis herauf in die dritte Etage führen, sowie der Kronenleuchter im Eingangsbereich und die bunten Wandbilder sowie Banksy-Graffitis zwischen den leeren Nischen, die womöglich ursprünglich Platz für Statuen boten, machten unsere Fünf-Tage-Heimat unverkennbar. Weniger atemberaubend verhielt es sich mit dem Frühstück, das (Frau Coelho hat uns im Vorhinein geraten, unsere Ansprüche gering zu halten) aus massenhaft Weißbrotscheiben, die jeden Morgen durch die Fließbandtoaster glitten, und cereals... also Müsli (ohne Schokolade... dafür mit Rosinen), bestand.

Die Zimmeraufteilung in unserem irischen home war einfach: alle wohnten zusammen am hintersten Ende des zweiten Flurs, während Herr Wüsthoff und Frau Coelho ihre Betten in genügend Entfernung bekamen, sodass die nächtlichen Kleinpartys in unserer Englisch-LK-WG unbemerkt blieben. „Hauptsache ihr schafft es, am nächsten Morgen pünktlich auf der Matte zu stehen”, hieß es überraschenderweise. Wer braucht schon Schlaf?

 

In Dublin gibt es tatsächlich einen Disney-Store. Und nicht nur das: im Stadtpark St. Stephen‘s Green landeten Tauben auf unserem Schultern („They won‘t peck as long as you keep calm!”) und kämpften um Brotkrümel, in den George Streed Arcades stellen Künstler und Designer ihre Werke aus, im Stephen‘s Green Shopping Center hängt eine überdimensionale Uhr und das Great Famine Memorial in der Hafengegend versetzt seine Besucher in eine Zeit, die für Irland alles andere als glänzend war – den großen Hunger. So geschichtsträchtig die Stadt Dublin ist, so modern ist sie auch. Man könnte fast sagen sie regt zum Lebenswandel an: nicht, weil man sich ihr anzupassen hat, sondern weil sie die Freiheit gibt, individuell zu sein, neu und entdeckerisch.

 

Ja, es war ein privater Golfplatz, den wir überqueren mussten, um auf den Wanderweg durch die Klippenlandschaft des wunderschönen Ortes Wicklow, südlich der Hauptstadt, zu gelangen. Ja, der Mann, den wir vorher um ein Gruppenfoto gebeten haben, dachte wahrscheinlich, dass wir durchgeknallt seien. Nein, es war keine gute Idee die Regenjacke im Hostel zu lassen („Hey, die Sonne scheint: mit Sicherheit bleibt das so!”). Tipp für Reisende: Irisches Wetter bleibt nicht so!

Seehunde begleiteten uns auf dem Marsch zum lighthouse, dem östlichsten Punkt der Insel, der uns über steinige Abhänge und kleine Flüsse, durch Farnwälder und Moosfelder führte, bis wir endlich, begleitet von einem unbeschreiblichen Blick auf die Weiten des silberblauen Ozeans, am Ziel ankamen, mitten im Nirgendwo, um uns herum Natur pur.

 

 

Den Bahnhof Dublin Connolly Station kannten wir bereits flüchtig (im wahrsten Sinne des Wortes), denn zum Zug nach Wicklow mussten wir sprinten, sonst wäre er ohne uns davongefahren. Den Zug nach Howth, in den Norden Dublins, erreichten wir gelassen. In der Hafenstadt, die auf der wunderschönen Halbinsel Howth Head liegt, trennten wir uns nach einer erneuten Klippenwanderung und während Frau Coelho und Herr Wüsthoff ihre tea time in einem gemütlichen (genau wie alle anderen irischen Gaststätten total überteuerten) Restaurant nahmen, machten wir uns, begleitet von launischen Wetterverhältnissen, die in fünf Minuten eine Reise von Ghana an den Nordpol simulierten, auf, Howth besser kennenzulernen und trafen uns einige Zeit später am Bahnhof, wo der grasgrüne Zug gen Dublin bereits wartete.

 

Es war eng, qualmig und roch stechend nach Schnaps. Ein dicker Glatzkopf schmiss die Bar, über die ein pint Guiness nach dem anderen schoss. Die Leute quetschten sich auf durchgesessene Sofas und Barhocker reihten sich dicht an dicht. Gegenüber des Eingangs des International, einem Pub unweit der berühmten Temple Bar, führte eine enge Treppe hinauf in einen dunklen, weniger vintage ausgestatten Raum, den Comedy Club. Rote Sofas, sporadische Beleuchtung, Gelächter, Bier und Apfelwein. Ein lustiger Abend, vier herausragende Comedians, viele Witze, die man live aus dem Mund eines Iren hören muss, um darüber lachen zu können.

Die kalten Böden irischer Flughafenterminals sehen ungemütlich aus, aber schlafen lässt es sich auf ihnen trotzdem, wenn man warten muss, weil der Flieger erst zwei Stunden verspätet auf dem Rollfeld aufkreuzt. Wenigstens waren alle so müde, dass niemand redete – außer Frau Coelho, die wie am Fließband die Hauptstädte sämtlicher Staaten der Erde (Mongolei – was zur Hölle?) aufzählte. Dann die Durchsage: „Germanwings flight 4U387 is now ready for boarding.” Endlich einsteigen, ein vorerst letzter Weg über irischen Boden, das Rauschen der Turbinen, der Wind, die Sehnsucht nach der Ferne. Goodbye Ireland. Goodbye Dublin.

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