28.01.2018 12:51 Alter: 141 Tage
Kategorie: Startseite, Presse
Von: Roman Winkelhahn

Im Ruhrpott abgetaucht - Erdkunde-Kurse der Q2 verbringen ein spannendes Wochenende in Duisburg


Mit einem mulmigen Gefühl starrten wir auf den Online-Fahrplan der Deutschen Bahn. Kein Zug in ganz Nordrhein-Westfalen verkehrte an diesem Freitag. Die Ruhe nach dem Sturm. Keine schöne Ruhe, sondern eher die Angst, dass unser Seminar im Duisburger Landschaftspark Nord ins Wasser fällt. „Strukturwandel“ im Ruhrgebiet. Welcher Zug uns da hätte hinfahren sollen: keine Ahnung.

Noch saßen wir in der Schule. Die Zeugnisausgabe stand an. Doch die Gedanken der meisten schwebten anderswo. Wie würde sich die Schulleitung entscheiden? Fahren wir? Oder macht uns „Friederike“ einen Strich durch die Rechnung? Dann, gegen halb Eins am Mittag, wurden wir erlöst: Abfahrt um Drei. Mit dem Bus durch NRW.

Wer auch immer die Abfahrtszeit kalkuliert hat, lag ein wenig daneben. Es ging dann doch erst um kurz nach Vier los. Aber kein Problem: Die Stimmung im Bus war gut! Nintendos gezückt – mit Mario Kart auf die Piste. Musik an, lauter als der Motor.

Wer schon einmal in Duisburg war (erfahrungsgemäß sind das nicht allzu viele Leute), kennt die Lichtinstallationen an den Schornsteinen des alten Industriegeländes im Norden der Stadt. Jetzt ist das ehemalige Thyssen-Werk ein Landschaftspark. Laut The Guardian sogar einer der besten, gleichauf mit dem Park Güell in Barcelona und dem Parc des Buttes-Chaumont in Paris. Nicht nur die Lichtkunst des Stardesigners Jonathan Park, sondern auch die sonstige Neugestaltung des ehemaligen Fabrikgeländes – Kletterpark, Freilichtbühne, Restaurant, Themengärten und Co. – begeistern die Besucher des LaPaDu. Genau da wohnten wir. Mittendrin. Ein Blick aus dem Fenster und man war geblendet von Strukturwandel. Kunst hier, Freizeit da, sogar ein Tauchbecken im alten Gasbehälter (Europas größte Indoor-Tauchanlage). Der Landschaftspark Duisburg-Nord bot genau das, was wir uns während der vorangegangenen Unterrichtseinheit vorgestellt haben. Nach der Theorie kommt die Praxis. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Beatrice Piszczek studiert Soziologie und Genderstudies. Sie kommt nicht aus dem Ruhrgebiet, aber das Strukturwandel-Fieber hat auch sie gepackt. Als Seminarleiterin will sie Schülern die spannende Thematik näherbringen. Am Freitag Abend, als wir später als geplant in Duisburg ankamen, erklärte uns Bea, was sie geplant hat. Der nächste Morgen begann mit einer Führung über das Gelände.

So ein Hochofen ist wirklich sehr hoch. Zwar ist das Nutzungskonzept der ganzen Fabrikanlage brandneu, aber der Rost hängt immer noch da. Auf einer schmalen Treppe mit den Gedanken irgendwo zwischen „Man, ist das kalt“ und „Wie haben die in dieser Höhe arbeiten können?“ zogen wir den Turm hinauf. Es hat sich gelohnt: Die Aussicht reicht von den Themengärten kurz vor der Autobahn bis zur City; von der Jugendherberge über die Industriehallen bis in die neblige Ferne.

Duisburg-Marxloh ist für seine Problem-Stories bekannt. Nicht selten drückt die Presse das Image des Stadtteils mit Drogen-Geschichten und Berichten über Straßenclans noch weiter nach unten. Wir waren dort, zumindest einige von uns, im Rahmen unserer Kleingruppenarbeit. Begleitet wurden wir vom „Marxloher Jung“ und Filmemacher Halil Özet. Gläubiger Muslim, Hipster, Kettenraucher – er erinnert nicht gerade wenig an Herrn Müller aus Fack Ju Göhte. In seinem Haus, dem „Medienbunker“, stieg am Abend vor unserem Besuch eine Party. Noch waren dort einige Männer am aufräumen. Wir fühlten uns wie in einem abgedrehten Film. Unwohl war uns dabei nicht. Im Gegenteil! Der erste Eindruck von Marxloh und der „Szene“, die von der Presse für Skandale ausgeschlachtet wird, war großartig. Das echte Großstadt-Feeling hautnah. Der Weg durch die Straßen führte uns zur Moschee. Unterwegs wurden wir, anders als wir es zugegebenermaßen erwartet hatten, weder angesprochen noch bedroht oder als potenzielle Drogenkäufer angesehen. All die Vorurteile gegen Marxloh stellten sich als völliger Quatsch heraus. Jede Großstadt hat ihre Probleme – selbstverständlich – aber Marxloh scheint nicht schlimmer zu sein als alle anderen. In der Moschee lernten wir viel über den Islam in Duisburg, und dass die Stadt durchaus für kulturelle Begegnung und Toleranz steht. Das Gefühl hatten wir auch. „Marxloh kann!“, hieß es auf den Stickern, die uns Halil zum Abschied gab.

Ob der Fanclub des MSV Duisburg, die Universität der Ruhr-Stadt, die City oder der Innenhafen: Sie alle haben sich im Zuge des Strukturwandels verändert und machen Duisburg heute zu einer besonders interessanten und vielseitigen Stadt. Fernab von Eisenwalzen und Schmelztiegeln kann man einiges erleben. Man muss nur wollen!